Alanya Ultra Trail 2021 – endlich wieder Rennen!

Rennen in Alanya statt Almanya

Über die Teilnahme am Alanya Ultra Trail (Türkei).  Ein Rennen zu Covid-19 Zeiten.

Legitimation

Auch ich habe mir Gedanken darüber gemacht, ob ich aufgrund der aktuellen Beschränkungen für ein Rennen in die Türkei reisen soll. Durch meine chronische Asthma-Erkrankung seit Kindesalter gelte ich als Hochrisikogruppe und habe einen potentiell schwerwiegenderen Verlauf bei einer Covid-19 Erkrankung zu erwarten! Schlussendlich habe ich mich dafür entschieden. Zum einen, weil ich die Wettkampforganisation schon länger vom Cappadocia Ultra Trail kenne, diese als sehr kompetent einschätze und sie ordentliche Maßnahmen (Maskenpflicht im gesamten Veranstaltungsbereich, bei Verpflegungsstationen, bei der Siegerehrung, im Start/Ziel-Bereich; außerdem Abstandregeln sowie Block-Starts) versprochen hatte. Zum anderen, weil ich, wie alle anderen Fluggäste auch, vorab einen negativen PCR-Covid-Test vorweisen und mich online registrieren musste. Zudem habe ich vor Ort nach Möglichkeit Abstand gehalten, im öffentlichen Raum immer eine FFP2-Maske getragen und 10 Tage nahezu alleine verbracht. Ebenfalls soll erwähnt werden, dass ich mittlerweile Berufssportler bin und nur so mein Geld verdienen kann. Warum sollen Ausnahmen nur im Fußball gelten?!

Kurzentschlossen zum Rennen

Eigentlich war mein Plan für März/April gewesen, mich gezielt auf das Innsbruck Alpine Trail Festival vorzubereiten, zu dem mich mein neuer Hauptsponsor adidas TERREX eingeladen hatte, und endlich einmal wieder meine Familie in Deutschland zu besuchen. Das Training lief auch wie erhofft erfolgreich, doch an eine Fahrt nach Bonn war absolut nicht zu denken.

Not machte erfinderisch. Ich schaute mich nach der Möglichkeit eines Trainingslagers um und hörte davon, dass meine Teamkollegen Ekaterina und Dmitry Mityaev in der Türkei ein Rennen laufen würden, den Alanya Ultra Trail. Ein Faktencheck der Einreisebedingungen ergab, dass es Profisportlern mit negativem PCR-Test (nicht älter als 72h) erlaubt ist, ohne Quarantäne einzureisen. Gleiche Bedingungen gelten für die Rückreise. Allerdings darf der Test dann maximal 48h alt sein. Nach Rücksprache mit meinem Sponsor und einer kurzen Kontaktaufnahme mit dem Rennorganisator war klar, dass ich bereits wenige Tage später dort am Start stehen würde.

Schon seltsam, dass man nicht in seine eigene Heimat reisen darf, um die Familie zu sehen, ein interkontinentaler und sportlich orientierter Businesstrip allerdings möglich ist. Also Alanya statt Almanya!

Abstinenz

Mein letzter Wettkampf lag schon ziemlich lange zurück. Im November 2019 durfte am „Oman by UTMB“ teilnehmen und dort über 53 km sowie 2.600 hm dieses wunderschöne Land erlaufen.

Das bedeutete 16 Monate ohne Wettkampferfahrung. 19 Monate waren sogar vergangen, seitdem ich das letzte Mal mit großer Genugtuung als Erster das Ziel-Banner hochheben durfte. Die Rituale und Vorbereitungen sind natürlich noch bekannt. Doch man muss erstmal wieder den Modus finden. Zum Glück kam die willkommene Nervosität bereits ein paar Tage vorher und Ungewissheit machte Neugierde sowie Vorfreude Platz.

Dieses Gefühl ist für mich einfach unersetzlich und man gerät als Leistungssportler sicherlich in eine Art Abhängigkeit davon. Für mich sind die Vorfreude auf einen Wettkampf und der kurze Moment des Starts immens wichtig. Beides hat für mich deutlich mehr Bedeutung als ein Podiumsplatz oder Sieg.

Als ich also zwei Tage vor meinem Abflug das negative Testergebnis in Händen hielt, wusste ich, dass die Abstinenz bald ein Ende haben würde. Der Weg zurück in die Abhängigkeit. Eine Sucht, die ich durchaus so deklariere, aber nicht darüber richte. Insofern Leistungssport auch meine Gesundheit nicht zweckmäßig fördert, so lässt er sich doch deutlich besser rechtfertigen als Alkoholismus oder Tabakkonsum.

Last-Minute Vorbereitung

Was beschäftigt mich eigentlich so vor diesem Rennen? Nun ja, grundsätzlich das gleiche wie sonst auch. Ich möchte:

  • ..alle Infos haben, die ich benötige (Streckenbeschaffenheit, Startzeit, Wetter)
  • ..die Tage vorher angenehm nervös sein
  • ..die vorletzte Nacht mindestens acht Stunden schlafen
  • ..drei Stunden vor dem Rennen frühstücken
  • ..ca. zwei Stunden vorher mit Erleichterung wieder vom Klo aufstehen
  • ..gesund am Start stehen

In diesem Fall kam dazu, dass ich ein paar Stunden damit verbracht habe, mir den Strandabschnitt von ca. 1,5 km anzuschauen, auf dem wir laufen würden. Und das gegen Ende des Wettkampfes, wenn die Beine langsam taub werden und schon lange die mentale Ausdauer übernommen hat. Das Laufen auf Sand hat mich noch nie wirklich gereizt und fordert zudem die Sehnen und Muskeln auf eine ganz andere Art und Weise. Doch wie sich gezeigt hat, sollte es im Rennen genau dort spannend werden.

Endlich wieder Adrenalin

Am vergangenen Samstag um 9:07 Uhr (wegen verschiedener Startblocks und Distanzen) ging es endlich los.

Ich hatte alle Infos, die ich benötigte, inkl. der Tatsache, dass sich auf der Strecke mittelgroße Schildkröten die Singletrails als Sonnenterasse aussuchen und reale Stolperfallen darstellen würden, befinden können.

Ich war schon seit mindestens fünf Tagen auf dem Nervositätslevel einer Angela Merkel kurz vor der Pressekonferenz zur fünften Covid-19-Maßnahmenänderung binnen einer Woche. Immerhin hatte ich innerhalb von zwei Nächten insgesamt acht Stunden geschlafen (Shoutout an die gesprächigen Russen im Nebenzimmer). Ich hatte mir genau um 6:05 Uhr die letzte Scheibe Toast mit Banane und Honig reingedrückt. Viermal war ich erfolgreich zum Klo gerannt und Stand nun am Start!!!

Die letzte Stunde vor dem Start verging wirklich wie im Flug. Die Aufregung war immens, das Aufwärmprogramm verlief gut, und die Selfies mit meinen türkischen und iranischen Freunden aus den letzten Jahren (2x Teilnahme am Cappadocia Ultra Trail in der Türkei sowie 1x am Geoparktrail im Iran) überbrückten den Rest. Die letzten 10 Minuten stand ich direkt neben dem Start; applaudierend die Teilnehmer der 28-KM-Distanz verabschiedend; eigentlich schon selbst mitten im Renngeschehen.

Visualisierung ist ein großer Teil meiner Rennvorbereitung. Dieses Mal war es nicht anders. Und noch Momente vor dem Start stellte ich mir vor wie ich ca. 90 Minuten später als Erster über die Ziellinie laufen würde. Selbstverständlich klappt das nicht jedes Mal. Aber dennoch hat es mir schon oft geholfen, 100% meines individuellen Vermögens rauszuholen. Und was will (kann) ich mehr?!

Der Start selbst war pures Adrenalin.

Das Rennen – Hoch, runter. Hoch, runter. Hoch, runter.

Die Strecke, 17,8km lang und mit 850hm versehen, war durchaus schnell und teilweise überraschend technisch.

Die Tatsache, dass kurz vor unserem Start die 28-KM-Läufer auf die Strecke gegangen waren, machte den ersten kleinen Berg, der praktisch nur aus Singletrails bestand, zum Slalomlauf. Gepaart mit dem verrückten Gefühl, endlich wieder einen Wettkampf zu laufen, war mein Puls innerhalb von einer Minute bei 160 (182 ist mein Maximalpuls).

Nach nur zwei KM gab es einen klaren Cut und zwei weitere KM gingen über Asphalt um die Strecke zu den richtigen Bergen zu überbrücken. Man hatte mich gewarnt, dass ein weiterer Läufer am Start sei, der mir das Leben schwer machen würde. Doch zu diesem Zeitpunkt und einer Pace von ca. 3:30/km wähnte ich mich sicher.

Der zweite Anstieg ging steil und auf Asphalt los. Kurze Zeit später kam der erneute Wechsel auf Singletrails. Dort war die Versuchung dann doch zu groß und ich drehte das Erste Mal meinen Kopf um die Lage zu checken. Selbstverständlich, wie hätte es anders sein sollen, war mein Konkurrent Mustafa genau fünf Meter hinter mir und sah ziemlich locker aus. Ich hatte ihn nicht einmal gehört. Laufstil und Atmung mussten also ziemlich ruhig und elegant sein. Verdammt.

Kopf-an-Kopf

Über die nächsten sieben bis acht KM hinweg liefen wir nach einem freundlichen, aber auch kurz gehaltenen „Hello. My name is.. . Good luck.“ Kopf an Kopf mit Vollgas. Bergauf war meistens ich vorne, bergab ließ ich ihn die Führung machen. Downhill kostet nämlich bekannter Weise zwecks Navigation mehr Energie, da ein Sturz sonst wahrscheinlicher wird. So konnte ich mich ein wenig entspannen und seinen erstaunlich massigen Beinen (zumindest für einen Berglauf-Nationalkader-Läufer) folgen.

Nachdem wir uns gemeinsam durch den zweiten Berg gefräst hatten, ging es noch einmal kurz flach über Asphalt, bevor der Strandabschnitt bevorstand. Mustafa segelte immer noch ekelhaft elegant neben mir her und ich malte mir schon aus, wie ich meinen zweiten Platz feiern sollte. Doch so schnell er am Berg und auf dem Asphalt gewesen war, sobald wir Sand treten mussten viel er auf einmal Zentimeter für Zentimeter zurück. Als es wieder auf Trails und somit den letzten kleinen Berg ging, hatte ich ca. 20 Meter Vorsprung. Das klingt nicht nach viel, gab mir aber die Zeit, im Dickicht der Trails einen extra Turbo zu zünden, ohne, dass er mich dabei beobachten und reagieren konnte. So war es mir möglich, den Abstand innerhalb von kurzer Zeit mehr als zu verdoppeln. Was von mir im Laktatgewirr als taktischer Zug geplant war, zahlte sich mehr als aus. Mustafa war plötzlich weg vom Bildschirm und ich musste nun vor allem gegen meine eigene Müdigkeit und den natürlich immer noch existierenden, aber unsichtbaren Gegner hinter mir kämpfen.

Knallgas ins Ziel

Das sind oft die schwierigsten Momente. Wenn es Richtung Ziel geht, du komplett am Anschlag läufst, sogar in Führung liegst, aber auch genau weißt, dass noch lange nichts gewonnen ist. Aber es blieb ja nichts anderes übrig als Knallgas. Die letzten 100 Höhenmeter bis zur Spitze waren meine Beine komplett blau. Doch als ich oben ankommend meinen Gegner auf den zurückliegenden 100 Metern immer noch nicht erkennen konnte, war ich mir sicher, dass ich das Ding nach Hause bzw. zum Meer bringen würde, wo das Ziel lag.

Es gibt nichts Schöneres, als einen Sieg auf den letzten ein bis zwei Kilometern genießen zu dürfen. Man erlaubt sich, 2 % weniger zu geben und kommt somit in den Genuss, wieder klar denken zu können. Mir kamen meine Verletzungen der letzten zwei Jahre in den Kopf, die Tatsache, dass wegen Covid-19 im letzten Jahr kaum Wettkämpfe stattfanden, und, dass dieses Gefühl der absoluten Erfüllung nicht selbstverständlich ist.

Die letzten 100 Meter waren purer Genuss.

Nicht nur #37

Für mich war dieser Sieg die Nummer 37 in meiner Laufkarriere. Doch es war definitiv einer meiner Top5 Momente. Die Last, die mir beim Überqueren der Ziellinie vom Körper abfiel, habe ich selten so wahrgenommen. Schade, dass ich das wohl nicht wieder so oft erleben werde. ..Oder auch zum Glück!

 

Laafts gscheid!

Moritz

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